Die Pandemie heißt Kapitalismus

Information zum Update des Textes: Dieser Text stellte einen ersten Versuch dar, uns als Lokalgruppe zur aktuellen gesellschaftlichen Situation zu positionieren. Nachdem wir den Text geschrieben und auf Flyer gedruckt haben, ist uns jedoch aufgefallen, dass er auf einer zu abstrakten Ebene argumentiert. In dieser haben wir es nicht geschafft auf die spezifische situation von Frauen* und Queers in der Pandemie einzugehen, obwohl gerade diese maßgeblich vom gegenwärtigen Umgang betroffen sind. Deshalb haben wir uns entschieden, den Text nachträglich zu aktualisieren. Die nachträglich hinzugefügten Teile sind kursiv markiert.


Das Covid-Virus muss so schnell wie möglich gestoppt werden. Dafür braucht es Impfstoffe, die global produziert und verteilt werden. Auch Kontaktbeschränkungen zählen zu den Maßnahmen, die helfen das vVirus einzudämmen. Da das öffentliche Leben in Deutschland noch zu großen teilen vom Staat organisiert wird, können wir keine Bekämpfung der Pandemie ohne diesen organisieren. Trotzdem stellen wir uns gegen jede autoritäre Gesetzgebung, welche die Notsituation ausnutzen will. Denn in ihnen liegt es begründet, dass gegenwärtig nicht angemessen auf die Gefahr des Corona-Virus reagiert werden kann. Jahrzehntelang wurden die Ausgaben für die öffentliche Gesundheitsversorgung reduziert, so dass die Krankenhäuser gegenwärtig viel zu schnell an ihre Belastungsgrenzen gelangen. Aber es sind nicht die Häuser, die an ihre Grenze gelangen, sondern die darin arbeitenden Menschen. Es sind Krankenpfleger*innen, die gegenwärtig unter enormem Druck stehen. Dieser Druck ist lebensgefährlich. Nur jede*r behandelte Patient*in bringt Geld für das Krankenhaus. Schutzmaßnahmen hingegen lassen sich nicht abrechnen – sie müssen zusätzlich erledigt werden. Diese Arbeitsbedingungen treffen aber nicht alle gleichermaßen: Es sind vor allem Frauen* und Queers [1], die in diesen Berufszweigen arbeiten. Es sind vor allem Frauen* und Queers, die sich in dieser Gesellschaft um Sorgearbeit kümmern. Meist auch unbezahlt im Haushalt, in Beziehungen, in Familien. Insbesondere der private Bereich wird durch die aktuellen Regelungen enorm belastet: Im privaten sollen Kinder beschult und betreut werden; wegen minimierten Kapazitäten in den Kliniken, sollen psychische Krisen ausgestanden werden.


Seit ihrer Entstehung braucht die kapitalistische Verwertung den privaten Bereich als die unbezahlte Voraussetzung, in dem die Arbeitskraft wiederhergestellt wird und in dem Krisen ausgehalten werden. Und so sind es auch in dieser gegenwärtigen Krise Frauen* und Queers, die entweder in ihren pflegerischen Berufen belastet werden und/oder Zuhause unbezahlte Sorgearbeit leisten. All dies ist nicht durch die Pandemie eines Viruses verursacht wurden, sondern es sind die Grundstrukturen der gegenwärtigen Gesellschaft. Der umgang mit dem Virus stützt sich jedoch intensiver als der Alltag auf diese Grundstrukturen, um die Produktion auf keinen Fall gefährden zu müssen. Das wollen wir nicht länger aushalten. Heute müssen vorrangig gesellschaftlich nicht dringend notwendige bereiche der Produktion für eine kurze Zeit stillgelegt werden. Im Gegenzug muss durch Umverteilung von Reichtum und Anerkennung der Bereich der Reproduktionsarbeit gestärkt werden, in welchem alltäglich unsere Leben erhalten und erneut hervorgebracht werden. Dieser Bereich, und in ihm vor allem Frauen* und Queers, ist das unsichtbare und in der Krise noch stärker ausgebeutete Zentrum unserer Gesellschaften. Wie es im Aufruf Zero Covid heißt:


»Die notwendigen Maßnahmen kosten viel Geld. Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben. mit diesem Reichtum sind die umfassende Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen problemlos finanzierbar. Darum verlangen wir die Einführung einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen.«

[zero-covid.org]

Doch können wir nicht dabei stehen bleiben: Die Befreiung unserer Leben vom zerstörerischen Profitinteresse der kapitalistischen Wirtschaftsweise, unsere Befreiung von staatlicher Gängelung im Interesse von Arbeitszwang und sozialer Anpassung – alles das können wir letztlich nur durch die umfassendste Enteignung der Reichen und die demokratische Selbstverwaltung der Gesellschaft erlangen. Die Aufgaben sind immens, aber es gibt für uns Lohnabhängige keinen anderen Weg heraus aus dieser Pandemie. Dafür brauchen wir die solidarische Kraft, die Kreativität und die Würde von uns allen, organisiert in sozialen Bewegungen von unten.

Unsere leben sind relevant, nicht dieses System – für den freiheitlichen Sozialismus! Für ein Ende des patriarchalen Kapitalismus!


Fußnoten:

[1] – Wir verwenden den Begriff „Frau*“ in diesem Text als politische Kategoire, die auf die bestehende Logik des Patriachats hinweisen soll. Diese Logik arbeitet maßgeblich mit der binären unterscheidung zwischen „Männern“ und „Frauen“, anhand derer verschiedene gesellschaftliche Bereiche strukturiert werden. Um diese binäre Logik analytisch ausdrücken zu können, nutzen wir den begriff „Frau*“. Dieser ist für uns nicht deckungsgleich mit dem begriff FLINTA*, welcher für uns vielmehr den versuch darstellt, selbstbestimmte identitäten auszudrücken, die que(e)r zu den bestehenden gesellschaftlichen Strukturieren stehen. Das bedeutet, dass der Begriff „Frau*“ für uns nicht ausreichend alle menschen, die von patriarchaler gewalt betroffen sind, mit einschließt. Der Begriff Queer hingegen zielt für uns bereits auf die aufhebung dieser Unterwerfung und verweist auf das Ziel der Selbstbestimmung jenseits patriachaler Herrschaft. Eine Unterscheidung der Begriffe, der wir uns sehr verbunden fühlen, findet sich hier: https://fstreikfrankfurt.noblogs.org/post/2021/02/10/was-bedeutet-flinta/#more-401


Die Plattform

Die Plattform Leipzig gibt es erst seit kurzem als Ortsgruppe der anarcha-kommunistischen Föderation die Plattform. Gemeinsam unterstützen und beraten wir uns in unseren auf Verbindlichkeit angelegten Kämpfen.

In sozialen Bewegungen und lokalen Initiativen von Arbeiter*innen, Studierenden, Mieter*innen, Migrant*innen und anderen Mitmenschen beteiligen wir uns einzeln auf verantwortungsvolle Weise, wirken auf eine revolutionäre Ausrichtung dieser hin, geben uns dafür Rückhalt und entwickeln aus unseren Erfahrungen theoretische Einsichten innerhalb der Plattform.

Unser entschlossener Traum sind langfristige und tiefgehende demokratische Veränderungen in gesellschaftlichen Machtstrukturen, herbeigeführt von unten. Wir setzen uns ein für eine dezentrale sozialistische Bedarfswirtschaft und die umfassende Möglichkeit zur Verwirklichung aller individuellen Fähigkeiten und Leidenschaften. Wenn du Lust auf verbindliche anarchistische Organisierung hast, schreib uns gerne: leipzig@dieplattform.org

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